Knochenabbau des Kiefers (Atrophie) nach Zahnverlust
Wenn ein Zahn gezogen wird, kommt es zwangsläufig zu einem Umbau des Kieferknochens: Es kommt zu einem sogenannten Remodelling, das mit Knochenabbau einhergeht. Hier liegt der Bauplan zugrunde, dass der Körper eine möglichst kompakte Form annimmt und funktionslose Abschnitte eher klein halten will. Ein Verlust an Knochenmenge, Knochenkontur und auch Knochenqualität (Knochendichte) ist nach Zahnverlust daher vorprogrammiert, hat aber eine große individuelle Streubreite.
Der Abbau beginnt unmittelbar nach der Zahnentfernung und läuft in den ersten drei bis sechs Monaten am schnellsten. In dieser Zeit verliert der Kieferkamm vor allem an Breite; die Höhe geht gleichzeitig zurück, aber in deutlich kleinerem Umfang. Danach setzt sich der Abbau lebenslang fort – nur sehr viel langsamer.
Das Knochenangebot bestimmt die Schwierigkeit der Implantatbehandlung, die Implantatplanung unter Berücksichtigung von Knochenaufbaumaßnahmen sowie die Implantatprognose insgesamt.
Was im Knochen passiert
Der Teil des Kiefers, der die Zähne trägt, heißt Alveolarkamm. Er ist keine feste Größe, sondern Gewebe, das sich am Zahn orientiert: Ein Teil der Knochenwand, die das Zahnfach auskleidet, existiert nur, weil dort ein Zahn mit seinem Halteapparat verankert ist – der sogenannte Bündelknochen. Fällt der Zahn weg, verliert dieser Knochen seine Aufgabe und wird abgebaut.
Der Umbau läuft in zwei sich überlagernden Vorgängen ab. Zuerst lösen knochenabbauende Zellen, die Osteoklasten, den zahnabhängigen Bündelknochen auf und ersetzen ihn durch Geflechtknochen. Weil gerade die äußere, wangenseitige Knochenwand oft fast nur aus diesem Bündelknochen besteht, sinkt sie am deutlichsten ein. Parallel dazu wird auch von der Außenfläche beider Knochenwände Knochen abgetragen. Das leere Zahnfach füllt sich zwar von innen mit neuem Knochen – aber nicht so weit, dass es den Verlust an äußerer Kontur ausgleichen würde.
Dazu kommt der fehlende Belastungsreiz. Knochen erhält seine Masse dort, wo er gebraucht wird. Ohne Zahn fehlt die Kaukraft, die vorher über die Zahnwurzel in den Kieferkamm geleitet wurde. Unbelastete, funktionslose Knochenabschnitte brauchen nun mal nicht groß zu sein, da sie sonst überflüssige Energie verbrauchen.
Zeitlicher Verlauf
Der stärkste Umbau findet in den ersten drei bis sechs Monaten statt. Schon nach drei Monaten ist rund ein Drittel der ursprünglichen Kammbreite verschwunden; nach einem halben Jahr liegt der Breitenverlust je nach Ausgangssituation zwischen knapp einem Drittel und deutlich über der Hälfte. In Millimetern gerechnet sind das im Mittel rund drei bis vier Millimeter.
Die Höhe geht im selben Zeitraum zurück, aber sehr viel weniger: etwa ein bis zwei Millimeter, also grob ein Zehntel bis ein Fünftel der ursprünglichen Kammhöhe. Verbreitet ist der Irrtum, der Höhenverlust setze erst nach Monaten ein. Er beginnt zeitgleich mit dem Breitenverlust, fällt nur geringer aus.
Nach dem ersten halben Jahr verlangsamt sich der Abbau deutlich, er endet aber nicht. Wer jahrelang ohne Ersatz oder mit einer schlecht sitzenden Prothese lebt, verliert weiter Knochen – langsam, dafür über Jahrzehnte. Deshalb hat auch der Zeitpunkt der Implantation Einfluss darauf, wie viel Knochen später noch zur Verfügung steht.
Zeitlicher Verlauf: Der Kieferkamm verliert vor allem in den ersten sechs Monaten an Breite, die Höhe geht langsamer und in kleinerem Umfang zurück.
Wovon das Ausmaß abhängt
Das Ausmaß des Knochenabbaus (Atrophie) ist von vielen weiteren Faktoren abhängig:
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Zeit seit dem Zahnverlust
Je länger der Zahnverlust zurückliegt, desto ausgeprägter ist in der Regel der Abbau. Weil der Verlust am Anfang am schnellsten geht, spielt der gewählte Zeitpunkt für die Implantation eine große Rolle.
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Dicke der äußeren Knochenwand
Ist die wangenseitige Knochenwand dünner als etwa einen Millimeter – in der Oberkieferfront ist das häufig der Fall –, sinkt der Kamm nach der Zahnentfernung deutlich stärker ein als bei einer dicken Wand. Von außen ist dieser Unterschied vor der Entfernung nicht zu erkennen.
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Individuelle, genetische Disposition
Ähnliche Verlustsituationen führen bei verschiedenen Menschen zu unterschiedlichen Knochenumbildungen. Es gibt Patienten, die nach einem Zahnverlust schon nach wenigen Monaten fast den gesamten Knochen eingebüßt haben, so dass eine Implantatbehandlung kaum möglich ist. Andere dagegen zeigen noch viele Jahre nach der Zahnentfernung ein fast unverändert gutes Knochenniveau. Das Ausmaß des potentiellen Knochenabbaus nach Zahnverlust ist daher im Einzelfall nur schwer abschätzbar.
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Allgemeinerkrankungen und Medikamente
Neben genetischen Faktoren haben Begleiterkrankungen, die Einnahme bestimmter Medikamente oder Noxen einen Einfluss auf das Knochenverhalten – etwa Medikamente wie Cortison, die den Knochenstoffwechsel negativ beeinflussen, eine Osteoporose oder Rauchen, das Durchblutung und Regenerationsfähigkeit verschlechtert.
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Verlustursache
Bei schweren Unfällen können erhebliche zusätzliche Defekte am Knochen entstehen. Ausgeprägte Wurzelentzündungen oder erheblicher Knochenabbau durch Parodontitis können umfangreiche Defekte hinterlassen, die der Kieferknochen nicht mehr ausgleichen kann.
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Die Zahnentfernung selbst
Ein einwurzeliger, schon leicht gelockerter Zahn hinterlässt gute Voraussetzungen für eine verlustarme Entfernung und damit für die knöcherne Regeneration des Zahnfachs (Alveole). Wenn aber fest verbackene Wurzeln erst durch Wegfräsen des Knochens entfernt werden können, kann ein erheblicher Knochendefekt das Resultat sein.
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Anzahl der verlorenen Zähne
Wenn nur ein Zahn verloren geht, hat der umgebende Knochen durch die naturgemässe Belastung der nebenstehenden Zähne weiterhin einen Reiz, der einem ausgedehnten Abbau entgegensteht. Beim Verlust vieler oder aller Zähne zieht sich der Kiefer stärker zurück.
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Alter
Mit zunehmendem Alter stellt der Körper von Aufbau (anabole Stoffwechsellage) auf Abbau (katabole Stoffwechsellage) um: der Körper mit Knochen und Muskeln wird schwächer. Das kann durch hormonelle Umstellungen (Menopause) noch verstärkt werden. Das Risiko einer Osteoporose steigt an, die Fähigkeiten des Knochens zur Regeneration sinken.
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Art des Zahnersatzes
Träger eines herausnehmbaren Zahnersatzes haben, insbesondere wenn er nicht gut sitzt, durch die unphysiologische Belastung des Kieferkamms mit stärkerem Knochenabbau zu kämpfen. Die Prothese muss immer wieder angepasst und unterfüttert werden, um den Kieferkammverlust auszugleichen.
Ober- und Unterkiefer
Beide Kiefer bauen ab, aber nicht im gleichen Maß. Im zahnlosen Unterkiefer geht die Höhe des vorderen Kieferkamms etwa doppelt so stark zurück wie im Oberkiefer. Über Jahre summiert sich das zu einem schmalen, flachen Unterkieferkamm, auf dem eine Vollprothese kaum noch Halt findet.
Im Oberkiefer wirkt zusätzlich die Kieferhöhle: Nach dem Verlust der Seitenzähne dehnt sie sich in den frei gewordenen Raum aus (Pneumatisation). Der Knochen zwischen Kieferkamm und Kieferhöhlenboden wird dadurch von zwei Seiten dünner – von oben durch die Kieferhöhle, von unten durch den Kammabbau. Genau deshalb ist im Oberkiefer-Seitenzahnbereich später häufig ein Sinuslift nötig.
In der Oberkieferfront entscheidet dagegen vor allem die Dicke der äußeren Knochenwand über das Ergebnis. Sie ist dort oft sehr dünn, und dann sinkt der Kamm nach der Zahnentfernung erheblich ein – mit unmittelbaren Folgen für das spätere Aussehen der Zahnlücke.
Prothesenhalt und Kaufunktion
Eine herausnehmbare Prothese liegt auf dem Kieferkamm auf. Schrumpft der Kamm, verändert sich ihre Auflagefläche: Die Prothese sitzt nicht mehr passgenau, kippt beim Kauen, scheuert und erzeugt Druckstellen. Sie muss dann unterfüttert oder neu angefertigt werden. Bei Vollprothesen setzen sich die Prothesen mit fortschreitendem Kammabbau messbar in ihr Lager ein – die Bisshöhe geht dabei zurück.
Das Problem verstärkt sich selbst. Der Kaudruck einer Prothese wird nicht wie beim eigenen Zahn über eine Wurzel in den Knochen geleitet, sondern flächig auf Schleimhaut und Kieferkamm übertragen. Diese unphysiologische Belastung beschleunigt den Abbau, besonders bei schlecht sitzendem Zahnersatz.
Je weiter der Kieferkamm abgebaut ist, desto schlechter fällt die Kaufunktion aus. Bei stark atrophiertem Unterkiefer bleiben Kaukraft und Kauleistung eingeschränkt – auch dann, wenn die Prothese später auf Implantaten befestigt wird. Das ist ein starkes Argument dafür, den Knochen früh zu erhalten, statt ihn später aufzubauen.
Veränderungen im Gesicht
Der Kieferkamm stützt die Weichteile des unteren Gesichtsdrittels. Geht er verloren, verliert auch das Gesicht seine Stütze: Die Lippen fallen ein, die Falten von der Nase zum Mundwinkel vertiefen sich, das untere Gesichtsdrittel wirkt kürzer. Viele Betroffene beschreiben das als „eingefallenes“ oder gealtertes Gesicht – und bemerken die Veränderung oft eher als den Knochenverlust selbst.
Bei vollständiger Zahnlosigkeit kommt eine zweite Veränderung dazu. Weil der Unterkieferkamm stärker schrumpft als der Oberkieferkamm und der Unterkiefer mit dem Verlust an Bisshöhe nach oben rotiert, verschiebt sich das Verhältnis der Kiefer zueinander: Das Kinn tritt hervor, der Biss wirkt vorstehend. Ein regelmäßig kontrollierter und angepasster Zahnersatz gleicht die Bisshöhe wieder aus – den Knochenverlust selbst macht er nicht rückgängig.
Was gegen den Abbau hilft
Weil der schnellste Abbau in den ersten Monaten passiert, entscheidet vor allem, was direkt nach der Zahnentfernung geschieht.
- Schonende Zahnentfernung. Je weniger Knochen bei der Entfernung geopfert wird, desto besser regeneriert das Zahnfach.
- Kammerhaltende Maßnahmen (Socket Preservation). Wird das leere Zahnfach unmittelbar nach der Entfernung mit Knochenersatzmaterial gefüllt und abgedeckt, fällt der Abbau geringer aus – im Mittel rund zwei Millimeter weniger Breitenverlust und etwa anderthalb Millimeter weniger Höhenverlust an der Außenseite. Einschränkend gilt: Dass der Kamm dadurch messbar besser erhalten bleibt, ist belegt; dass daraus regelmäßig seltenere Knochenaufbauten oder bessere Implantatergebnisse folgen, ist es nicht.
- Im Oberkiefer-Seitenzahnbereich bremst eine kammerhaltende Maßnahme zusätzlich die Ausdehnung der Kieferhöhle und senkt die Wahrscheinlichkeit, dass später ein Sinuslift nötig wird.
- Zeitpunkt der Implantation. Ein Implantat übernimmt die Rolle der Zahnwurzel und leitet Kaukräfte wieder in den Knochen. Ob eine Sofortimplantation, eine Früh- oder eine Spätimplantation in Frage kommt, hängt vom Befund ab.
- Risikofaktoren senken. Rauchen verschlechtert Durchblutung und Regeneration. Medikamente, die in den Knochenstoffwechsel eingreifen, und Erkrankungen wie Osteoporose gehören in jedes Aufklärungsgespräch.
- Prothesen regelmäßig kontrollieren. Eine unterfütterte, passgenaue Prothese belastet den Kamm gleichmäßiger als eine, die kippt.
Ist der Knochen bereits verloren gegangen, lässt er sich in vielen Fällen wieder aufbauen. Welche Verfahren es gibt, wie sie ablaufen und was sie kosten, steht ausführlich unter Knochenaufbau des Kiefers für Zahnimplantate.
Wie der Abbau festgestellt wird
Ein beginnender Kammabbau ist von außen kaum zu sehen. Auffällig wird er meist erst, wenn die Lücke sichtbar eingesunken ist oder eine Prothese nicht mehr sitzt.
Den ersten Überblick liefert eine Panoramaschichtaufnahme (OPG). Sie zeigt die Höhe des Kieferkamms, den Abstand zu Kieferhöhle und Unterkiefernerv sowie den Zustand der Nachbarzähne. Die Breite des Kamms zeigt sie nicht – und genau die ist nach einem Zahnverlust zuerst betroffen.
Für die Implantatplanung ist deshalb häufig die dritte Dimension entscheidend. Reicht das zweidimensionale Röntgenbild nicht aus, kommt eine digitale Volumentomographie (DVT) in Frage. Sie ist kein Routineverfahren: Wegen der höheren Strahlendosis wird sie nur eingesetzt, wenn sich aus dem Ergebnis eine Konsequenz für die Behandlung ergibt.
Dazu kommt die klinische Untersuchung. Der Zahnarzt tastet den Kamm ab, beurteilt Breite, Form und Schleimhautdicke und prüft, wie ein vorhandener Zahnersatz aufliegt.

Panoramaschichtaufnahme eines zahnlosen Oberkiefers: Der Kieferkamm ist weit fortgeschritten abgebaut, die Kieferhöhlen reichen bis dicht an den Kamm heran.
Defektklassifikation
Da sich aus der Art des Knochenverlusts auch spezielle Notwendigkeiten in Bezug auf einen Knochenaufbau für Implantate ergeben, ist es sinnvoll, die entstandenen Defekte nach ihrer Art einzuteilen. Hierdurch wird eine Zuordnung von Defektmorphologie und der entsprechend richtigen Strategie bei der Rekonstruktion möglich: Zu jedem Defekt gibt es das richtige Konzept für den Knochenaufbau.
Die Kölner Defektklassifikation beschreibt jeden Defekt mit drei Angaben – Richtung, Ausmaß und Lage zum verbliebenen Kieferkamm.
| Angabe | Kürzel | Bedeutung |
|---|---|---|
| Richtung des Defekts | H · V · K · S | horizontal (Breite) · vertikal (Höhe) · kombiniert · Kieferhöhlenbereich |
| Ausmaß des Defekts | 1 · 2 · 3 | gering, unter 4 mm · mittelgradig, 4–8 mm · ausgedehnt, über 8 mm |
| Lage zum Kieferkamm | i · e | innerhalb der Kammgeometrie, günstig · außerhalb, ungünstig |
Ein Defektcode H.1.i steht damit für einen kleinen Breitendefekt bis vier Millimeter, der noch von eigenem Knochen umgeben ist; K.2.e.S.1 für einen kombinierten Defekt von vier bis acht Millimetern außerhalb der Kammgeometrie zusammen mit einem kleinen Defekt im Kieferhöhlenbereich. Für Patientinnen und Patienten ist daraus vor allem eines abzulesen: Je größer der Defekt und je weniger er von eigenem Knochen umgeben ist, desto aufwendiger wird der Knochenaufbau.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
implantate.com-Fazit
Knochenabbau nach Zahnverlust ist kein Behandlungsfehler und keine Ausnahme, sondern die normale Reaktion des Körpers auf einen Knochenabschnitt, der seine Aufgabe verloren hat. Beeinflussbar ist nicht das Ob, sondern das Wie viel – und das entscheidet sich vor allem in den ersten Monaten nach der Zahnentfernung. Wer die Versorgung der Lücke nicht über Jahre aufschiebt, erspart sich später häufig den Knochenaufbau.
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Kölner Defektklassifikation (CCARD), 8. Europäische Konsensuskonferenz des BDIZ EDI, Februar 2013.
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