Wurzelentzündungen toter Zähne

Ein abgestorbener oder an der Wurzelspitze entzündeter Zahn muss längst nicht immer raus – mit der richtigen Behandlung lassen sich die meisten erhalten; ob ein Zahn zu retten ist, hängt vor allem von der Größe der Knochenentzündung und der Erfahrung des Behandlers ab.

Wenn aus Gründen einer Wurzelentzündung zur Debatte steht, einen Zahn zu ziehen, wird ein Wurzelkanalspezialist (Endodontologe) in den meisten Fällen anders entscheiden als ein Zahnarzt, der einen Patienten mit Zahnschmerzen im Notdienst behandelt. Man kann davon ausgehen, dass mit der richtigen Behandlung die meisten abgestorbenen Zähne zu erhalten sind. Bei der Therapie gilt es, den Entzündungsprozess zu eliminieren, dazu gehören:

Beurteilung der Wurzelspitze nur durch Röntgenbild möglich

 

Warum ein „toter" Zahn entzündet – und was eine Zyste ist

Stirbt das Zahnmark ab (etwa als Spätfolge tiefer Karies, nach einem Unfall oder unter einer Füllung/Krone), besiedeln Bakterien das leere Wurzelkanalsystem. Über die Wurzelspitze greift die Entzündung auf den Kieferknochen über – eine Entzündung an der Wurzelspitze (apikale Parodontitis). Hält sie länger an, kann sich aus dem entzündeten Gewebe ein flüssigkeitsgefüllter Hohlraum bilden: eine an der Wurzel hängende (radikuläre) Zyste. Periapikale Veränderungen sind überwiegend solche Entzündungsherde oder Zysten; allein am Röntgenbild lassen sie sich nicht sicher unterscheiden.

Wurzelentzündung

Wurzelentzündung (Zyste?) Zahnerhalt durch nochmalige Wurzelbehandlung oder WSR möglich.

Diagnose: Was das Röntgenbild zeigt

Ein Röntgenbild kann Entzündungsprozesse im Kieferknochen darstellen. Eine Knochenauflösung (Osteolyse) zeigt sich dunkel (richtig: Aufhellung, da das Röntgenbild ein Negativbild ist). Meist ist ein Zahnfilm (s.o.) für die Diagnose ausreichend. Eine Röntgenübersichtsaufnahme beider Kiefer (OPG, Orthopantomogramm) gehört ebenfalls zur typischen Diagnostik von Kiefererkrankungen.
In seltenen Fällen sind Osteolysen aber auch nur über ein 3D-Bild (z.B. DVT) zu diagnostizieren.

Apikale Ostitis, toter Zahn

Große Zyste an der Zahnwurzel 22, zus. Knochenabbau (Parodontitis), Chance auf Zahnerhalt gering.

Wurzelentzündung nach WSR

Wurzelentzündung trotz Wurzelspitzenresektion (WSR). Zahn nicht zu erhalten.

 

Ganzheitliche Therapie: nur ohne tote Zähne

Tote Zähne sind für ganzheitlich orientierte (Zahn-)Mediziner ein Problem. Auch ohne röntgenologische Entzündungszeichen und auch ohne jegliche Beschwerden werden tote Zähne als gesundheitliche Störfaktoren eingestuft und eine Entfernung wird angeraten. Wissenschaftlich ist diese Diskussion dabei schwer zu führen.

Mehr zu den allgemeinmedizinischen Überlegungen hinter der Entfernung beschwerdefreier toter Zähne steht unter Herdsanierung.

Periapikale Wurzelentzündung

Nahezu maximale Entzündung des umgebenden Knochens nach nicht erfolgreicher Wurzelfüllung. Zahn ist nicht zu retten.

Wann ist der Zahn zu retten – und wann nicht?

Drei Wege zielen darauf, die Entzündung zu beseitigen und den Zahn zu erhalten – die erstmalige Wurzelbehandlung, ihre Wiederholung (Revision) und die Wurzelspitzenresektion. Die Fachgesellschaft für Endodontie (DGET) beziffert die Erfolgsaussichten einer Wurzelbehandlung mit etwa 65–90 %. Welcher Weg trägt, hängt von der Ausgangslage ab:

Verfahren Wann sinnvoll Erfolgsaussicht (Orientierung)
Primäre Wurzelbehandlung erstmalige Entzündung, Zahn endodontisch gut behandelbar hoch; die meisten Zähne bleiben langfristig erhalten
Revision (erneute Wurzelbehandlung) Entzündung trotz vorhandener Wurzelfüllung gut, aber etwas geringer als bei der Erstbehandlung
Wurzelspitzenresektion (WSR) wenn Wurzelbehandlung/Revision nicht (mehr) ausreicht bei kleiner Läsion gut; sinkt bei großem Defekt und Paro-Beteiligung

Gute Erfolgschancen bei Wurzelentzündung, wenn

  • der Behandler endodontisch versiert ist
  • das Absterben eines Zahnes rechtzeitig entdeckt wird

Schlechte Erfolgschancen bei apikalen Entzündungen, wenn

  • Behandler an Wurzelbehandlung wenig interessiert ist
  • Knochenentzündung schon gross ist
  • Entzündung trotz Wurzelfüllung
  • Entzündung des Zwischenwurzelbereichs (Furkation)
  • Paro-Endo-Läsion (durchgehender Knochenabbau von Zahnfleischsaum bis zur Wurzelspitze)
  • Schon WSR erfolglos

Ergänzend, vom Enderhalt unabhängig von der Entzündung: Unrettbar wird ein Zahn außerdem durch eine Längsfraktur der Wurzel (ein durchgehender Riss lässt sich nicht abdichten) und durch zu wenig erhaltene Zahnsubstanz – fehlt der fassbare Restzahn (Fassreif), findet eine spätere Krone keinen Halt. In beiden Fällen hilft auch die beste Wurzelbehandlung nicht mehr.

implantate.com-Empfehlung: Vor der Entscheidung „ziehen“ lohnt die Einschätzung eines endodontisch erfahrenen Behandlers – gerade bei vermeintlich aussichtslosen Zähnen entscheidet die Behandlungsqualität oft über Erhalt oder Verlust.

Im Röntgenbild sehen Sie eine Osteolyse der Zähne 35 und 36 (2 Wurzeln)…

apikale Aufhellungen

… 36 durch erneute Wurzelbehandlung evtl. zu retten. 35 hat einen Stift eingeklebt. WSR kann versucht werden. Prognose fraglich.

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Bedeutung für eine evtl. Implantatversorgung:

Implantate sind bei dieser Situation grundsätzlich möglich, aber die Entzündung muss vor Einbringen des Implantats ausgeheilt sein, da sonst ein Misserfolg (Implantateinheilung wird durch verbliebene Bakterien verhindert, Restostitis) droht.

implantate.com-Empfehlung: Den sichersten Weg gibt die ausgeheilte Stelle: erst Entzündung beseitigen, dann implantieren. Eine möglichst knochenschonende Entfernung und ggf. Kammerhaltung halten die spätere Implantatversorgung einfach.

Weiterführend: Sofortimplantation oder Spätimplantation? und Knochenabbau nach Zahnverlust.

implantate.com-Fazit

Eine Wurzelentzündung bedeutet selten das sofortige Aus für den Zahn. Erstbehandlung, Revision und Wurzelspitzenresektion retten die meisten betroffenen Zähne – am besten in erfahrener endodontischer Hand und früh erkannt. Gegen den Erhalt sprechen vor allem eine bereits große Knochenentzündung, eine Paro-Endo-Läsion oder eine bereits erfolglose WSR. Muss der Zahn doch raus, ist ein Implantat gut möglich – sobald die Entzündung ausgeheilt ist.

Leitlinien

AWMF/DGMKG/DGZMK. S2k-Leitlinie „Wurzelspitzenresektion“, AWMF-Register-Nr. 007-007. register.awmf.org

DGET/DGZMK. Empfehlungen zur Behandlung der apikalen Parodontitis und zur Wurzelkanalbehandlung.

Journal-Quellen

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Pinto D, Marques A, Pereira JF, Palma PJ. Long-Term Prognosis of Endodontic Microsurgery – A Systematic Review and Meta-Analysis. Medicina (Kaunas). 2020;56(9):447. doi: 10.3390/medicina56090447

Chrcanovic BR, Martins MD, Wennerberg A. Immediate placement of implants into infected sites: a systematic review. Clin Implant Dent Relat Res. 2015;17(Suppl 1):e1–e16. doi: 10.1111/cid.12098

Zitzmann NU, Krastl G, Hecker H, Walter C, Weiger R. Endodontics or implants? A review of decisive criteria and guidelines for single tooth restorations and full arch reconstructions. Int Endod J. 2009;42(9):757–774. doi: 10.1111/j.1365-2591.2009.01561.x

Zitzmann NU, Krastl G, Hecker H, Walter C, Waltimo T, Weiger R. Strategic considerations in treatment planning: deciding when to treat, extract, or replace a questionable tooth. J Periodontol. 2008;79(6):971–977.

Cho GC. Evidence-based approach for treatment planning options for the extensively damaged dentition. J Calif Dent Assoc. 2004;32(12):983–990.

Häufige Fragen zu Wurzelentzündung und totem Zahn

Muss ein toter Zahn immer gezogen werden?

Nein. Ein abgestorbener Zahn lässt sich in den meisten Fällen durch eine Wurzelbehandlung erhalten. Gezogen wird er erst, wenn die Entzündung trotz Behandlung nicht ausheilt oder der Zahn aus anderen Gründen nicht erhaltungsfähig ist.

Was ist eine Zyste an der Wurzelspitze?

Ein flüssigkeitsgefüllter Hohlraum, der aus einer länger bestehenden Entzündung an der Wurzelspitze entstehen kann. Kleinere Zysten heilen nach guter Wurzelbehandlung oft aus; größere können eine Wurzelspitzenresektion oder die Entfernung des Zahns nötig machen.

Wurzelbehandlung oder gleich ziehen – was ist besser?

Der Zahnerhalt hat in der Regel Vorrang: Der eigene Zahn mit seinem Zahnhalteapparat ist meist die beste Lösung. Eine Entfernung mit anschließendem Implantat ist die Option, wenn der Zahn nicht mehr zu retten ist.

Wie erkennt man, ob die Entzündung ausgeheilt ist?

Über die Beschwerdefreiheit und das Röntgenbild: Die knöcherne Aufhellung an der Wurzelspitze bildet sich bei Erfolg über etwa sechs bis zwölf Monate zurück. Bei Unsicherheit hilft eine 3D-Aufnahme (DVT).

Kann ich nach Entfernung eines entzündeten Zahns ein Implantat bekommen?

Ja, grundsätzlich – allerdings sollte die Entzündung vorher ausgeheilt sein, sonst steigt das Risiko, dass das Implantat nicht einheilt.

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Letzte Aktualisierung am Mittwoch, 19. August 2026